Konsequenzen der aktuellen Krise für die Entwicklung medizintechnischer Geräte

Wie die Beschränkungen im Zusammenhang mit der aktuellen Corona Krise wieder gelockert werden, werden erst die nächsten Wochen zeigen. Welche Auswirkungen die Krise auf die Wirtschaft hat, dürften die nächsten Monate offenbaren. Was sich aber jetzt schon zeigt, ist ein offensichtlicher Mangel an wichtigen Produkten. Dazu zählen:

  • Atemschutzmasken für das Personal im Gesundheitswesen aber auch für die Bevölkerung,
  • Schutzbekleidung für Personal im Gesundheitswesen,
  • Beatmungsgeräte.

Und es wird sich sukzessive herausstellen, dass gerade im Gesundheitswesen noch weitere wichtige Produkte fehlen. Während es bei Atemschutzmasken und Schutzbekleidung eher eine Frage der Beschaffung ist und ein Land wie Deutschland, oder besser die EU, in der Lage sein müsste, diese jederzeit und in ausreichender Menge innerhalb der eigenen Grenzen auch mit eigenen Produktionskapazitäten herzustellen, ist die Situation bei Beatmungsgeräten komplexer.

Das Beispiel der Beatmungsgeräte zeigt gut, was sich bei der Entwicklung solcher Produkte verändern muss, um für Krisensituationen besser gewappnet zu sein.

Die aktuellen Geräte wurden entwickelt ohne die Erfahrungen der Krise. Das heißt, die Entwicklung wurde getrieben von:

  • den Anforderungen der Krankenhäuser,
  • der aktuellen Wettbewerbssituation,
  • den finanziellen Forderungen, die solche Geräte aus der Sicht der Stakeholder erfüllen müssen.

Das führt dazu, dass diese Geräte auch Funktionen besitzen, die

  • nur für sehr wenige spezielle Anwendungsfälle erforderlich sind,
  • entwickelt wurden, um sich von den Wettbewerbsprodukten zu differenzieren und
  • notwendig sind, ein für die Marke typisches Design abbilden zu können.

Die Produktstruktur sowie die Gestaltung der einzelnen Baugruppen und Bauelemente erfolgt bei den Geräten mit Blick auf die eigenen Produktionsmöglichkeiten und die bekannten Beschaffungsmärkte. Die Folge ist, dass:

  • spezifische Werkzeuge für die Herstellung der Produkte notwendig sind, beispielsweise zur Herstellung von Gehäuseteilen,
  • spezifische Maschinen und Montageeinrichtungen gebraucht werden und
  • nur wenige, spezialisierte Lieferanten die benötigten Komponenten herstellen und liefern können.

Unter normalen Rahmenbedingungen ist ein solcher Ansatz auch richtig und zielführend. Aber wie verhält es sich in einer Ausnahmesituation wie der aktuellen Krise?

In der Krise ist es entscheidend, schnell eine große Anzahl von Geräten produzieren zu können. Hierbei spielt es dann nicht die Rolle, ob alle Funktionen, die nur für spezifische Anwendungen benötigte werden oder dem Komfort dienen, enthalten sind – es müssen lediglich ganz bestimmte Basisfunktionen erfüllt sein, die Leben retten können. Die etablierten Hersteller werden wohl kaum in der Lage sein, die benötigte Anzahl an Geräten zu produzieren, da die Produktionskapazitäten auf den Bedarf in normalen Zeiten ausgelegt sind. Es kommt also in der Krisenzeit darauf an, dass auch „fachfremde“ Unternehmen schnell in der Lage sind, solche Engpassgeräte zu produzieren. Das setzt voraus, dass es, neben den High-End Ausführungen der Geräte auch einfache Geräte geben muss, welche:

  • reduziert sind auf die wirklich erforderlichen Basisfunktionen,
  • keine spezifischen Werkzeuge zu ihrer Herstellung benötigen,
  • wenn überhaupt, nur aus wenigen Zulieferteile bestehen dürfen,
  • einfach und mit einfachen Anleitungen zu produzieren sind,
  • die sichere Funktion der Geräte durch in der Industrie übliche Qualitätssicherungsprozesse gewährleistet werden kann.

Geräte, die so ausgelegt sind, können dann außerdem in Ländern hergestellt werden, welche die Voraussetzungen und Qualifikation, die in hochindustrialisierten Ländern gegeben sind, nicht besitzen. Damit könnte auch eine global bessere Versorgung erreicht werden.

Aber warum sollte sich ein Hersteller medizintechnischen Geräte auf einen solches Vorgehen einlassen? Sein Geschäftsmodell ist doch die Entwicklung, die Herstellung und der Vertrieb der hoch technischen Geräte – so wie sie sind. Dafür lassen sich zwei Argumente ins Feld führen, ohne auf den Aspekt der Verantwortung einzugehen.

  • Geräte die reduziert sind auf die notwendigen Basisfunktionen benötigen weniger Kapazität für die Herstellung und die Stückzahl kann damit durch Umschichtung von Personal schnell gesteigert werden.
  • Die fehlenden Geräte mit ihren komplexen und aufwendigen Lieferketten, ermutigen andere Unternehmen oder auch Start-ups, die diese Lücke zu schließen. ES entstehen Wettbewerber, welch noch eigene Geräte entwickeln und nach der Krise nicht wieder vom Markt verschwinden werden.

So hat beispielsweise die Code Life Ventilator Challenge der The Montreal General Hospital Foundation bis zum 31.03.2020 zu 1.029 neuen Ideen für Beatmungsgeräte geführt. Der Markt für diese Geräte wird nach der Krise nicht mehr der Gleiche sein wie davor. Nicht alle Ideengeber werden sich dann wieder zurückziehen.

Die Krise mit ihren Auswirkungen zeigt also, was die Hersteller medizintechnischer Produkte in der Zukunft anders machen sollten:

Zu jedem Gerät, das in Krisensituationen in großen Mengen benötigt wird, gehört eine Einfachvariante, die mit den Basisfunktionen ausgestattet ist und schnell in großer Stückzahl produziert werden kann.

So kann ein Hersteller einerseits seiner gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden, andererseits aber auch zur Zukunftssicherung des eigenen Unternehmens beitragen.

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